Vor vielen Jahren, Anfang der Achtziger, fragten mich eines Tages Freunde aus meiner damaligen Stammkneipe, “Steckdose” genannt, ob ich nicht Lust hätte, mit ihnen in Spanien Urlaub zu machen. Sie hätten sich da gemeinsam eine alte Finca gekauft und es wäre dort auch im Winter angenehm warm. Ich hatte ein wenig Bares in einer alten Kassettenhülle versteckt, denn mein Konto war natürlich chronisch im Minus, also sagte ich zu. Schon bald fuhren wir kurz nach Weihnachten zu Acht in einem VW-Bus in den Süden. Es ging abends in Saarbrücken los, ich fuhr die erste Schicht, weil ich lange Nachtfahrten durch meinen Roadie* Job gewöhnt war, in der Nähe von Orange ließ ich mich dann ablösen. Nach einer oder zwei Dosen Bier fiel ich in tiefen Schlaf, um erst wieder aufzuwachen, als wir Barcelona schon hinter uns gelassen hatten. Draußen war greller Sonnenschein und mein erster Gedanke war der spanische Satz: “¡Eso es mi país!”**

Viele Stunden später, wir waren im Haus angekommen und die Schlafräume wurden verteilt, entschied ich mich für den großen Raum im Obergeschoss, fast 70 Quadratmeter groß mit einer offenen Balkendecke, die am Giebel fast vier Meter hoch war. Darin stand nur ein schmales, uraltes Bett und ein alter spanischer Korbstuhl als Nachttischchen, ein Traum von einem Schlafzimmer. Drei lange Wochen genoss ich die Großzügigkeit dieses Raumes, mich Abends oft früher von den anderen verabschiedend, um dort alleine bei Kerzenlicht zu liegen und nachzudenken oder zu lesen.
Damals gab es in diesem Dörfchen noch keinen Strom. Wer nachts Licht brauchte, ließ einen Generator laufen. Unserer war ein uralter Einzylinder-Dieselgenerator, der einen Höllenlärm machte und nur solange angemacht wurde, wie es unbedingt nötig war. Zum frühabendlichen Duschen und Kochen und um das Wasserdepot auf dem Dach wieder auf zu füllen, vielleicht zwei Stunden am Tag. Danach saß man bei Kerzenlicht vor dem Kamin, las, oder löste in hitzigen Diskussionen die Probleme dieser Welt.
Das Dorf selber war ausgestorben, leer, alle andern ca. neunzig Häuser verwaist, lediglich im direkten Nachbarhaus wohnte ein altes Ehepaar, die letzten Einwohner. An den Wochenenden hingegen konnte man noch den einen oder anderen Generator hören. Da kamen andere Hausbesitzer herauf ins Dorf, spätestens aber montags war man wieder völlig alleine. Kann man absolute Ruhe steigern? Nein, kann man nicht, aber wenn man es könnte, es hätte auf das Damals zugetroffen.

Meine kluge Leserschaft, die mir bis hier hin gefolgt ist, wird natürlich längst ahnen, dass dies exakt das Haus ist, in dem ich heute wohne.
Nachdem ich in den Jahren dazwischen immer wieder einmal hier war, habe ich vor fünf Jahren einen großen Anteil des Hauses gekauft und lebe nun fast viereinhalb Jahre hier. Mein damaliges Schlafzimmer ist schon seit Jahren mein Studio, und wer mein Blog schon länger liest, erinnert sich bestimmt an die viele Arbeit, die ich innen und außen, in und um das Haus herum geleistet habe.

Vieles hat sich inzwischen verändert. Das Dorf ist längst aus dem Dornröschenschlaf erwacht. Einwanderer, hauptsächlich Engländer, haben viele der alten Fincas gekauft, saniert und bewohnen sie nun. Von den ursprünglichen Einwohnern wohnt niemand fest hier oben, die ziehen die Etagenwohnung im Städtchen vor. Die Autobahn nach Süden, der hier früher noch ein Stück fehlte, wurde zu Ende gebaut und führt nun durch ein benachbartes Tal, beim richtigen Wind kann man die Motorräder röhren hören. Im Jahr 2002 wurde Strom gelegt, die Generatoren haben ausgedient. Die Küste wurde praktisch flächendeckend zubetoniert, das Dörfchen hingegen zum Schutzgebiet erklärt. Und selbst hier oben haben wir inzwischen UMTS und Internet.
Aber ich war nie der alleinige Eigentümer des Hauses. Und ohne hier schmutzige Wäsche waschen zu wollen, kann ich schon sagen, dass das Verhältnis zu meinem Miteigentümer immer schlechter wurde, am Schluss unerträglich, so dass wir nun beschlossen haben, uns zu trennen. Er hat mir meinen Anteil abgekauft, und ich werde bis Ende Oktober hier ausziehen. Wohin, steht im Moment noch nicht fest, aber es wird ein Haus hier in der Gegend sein, zu mieten gibt es hier viel.
Vor viereinhalb Jahren habe ich mich nach fast zwei Jahrzehnten Kindermusik hier auf diesen Berg zurückgezogen, man könnte es mit einem Nest vergleichen, in dem ich neu aus dem Ei geschlüpft bin. Ich habe Jahre gemauert, Steine geschleppt und Kies geschippt, schwerste körperliche Arbeit gemacht. Aber auch gegärtnert, den Dingen beim Wachsen zugesehen, mit den Schwalben gefiebert, ob ihr Nachwuchs durchkommt, und mich im Herbst darauf gefreut, sie im Frühjahr wieder zu sehen.
Ich habe diese Zeit gebraucht, mich zu finden und mich neu zu erfinden. Schon lange arbeite ich hauptsächlich in meinem Studio an meiner Musik. Ich habe mich sehr ernsthaft mit neuen musikalischen Themen auseinandergesetzt und werde nun immer öfter, so hoffe ich, als Jazzsänger und Gitarrist auf der Bühne stehen, meine Premiere habe ich gerade hinter mir.
Es ist, als sei ich flügge geworden und gerade dabei, das Nest für immer zu verlassen. Ein neuer Abschnitt beginnt, neue Orte, Menschen und Erfahrungen erwarten mich, da ich bin sehr optimistisch. Ich werde natürlich immer weiter hier im Blog darüber berichten.

PS: Ach ja, bevor ich es vergesse, warum Strauße? Nun, eine deutsche Familie hat hier im Ort eine Straußenfarm mit ca. 35 Tieren aufgemacht, äußerst skeptisch von allen Nachbarn beäugt. Diese Familie hat auch aus vielen anderen Gründen nicht den besten Ruf. Ich komme aber jeden zweiten Tag bei meiner Joggingrunde am Straußengehege vorbei, und da sich die Schlangen immer noch verstecken, fotografiere ich halt Strauße!
*Roadie= Roadmanager, Kerl, der mit Musikern durch die Lande fährt, die Anlage aufbaut, am Mischpult sitzt, alles organisiert und so weiter.
** “Das ist mein Land!” Ich war Roadie bei einer lateinamerikanischen Band, daher konnte ich schon damals Spanisch, die hatten nämlich keine Lust, Deutsch zu lernen.