Bordellgeschichten

Ich wollte diesen Eintrag erst gar nicht veröffentlichen, aber nun habe ich mich doch anders entschlossen. Angeregt durch einen Kommentar gingen mir die ganze Zeit meine Erinnerungen an einen Freund aus uralten Tagen nicht aus dem Kopf. Er war Argentinier und einer der Gründe, warum ich schon ganz leidlich Spanisch konnte, bevor ich in dieses hier Land kam. Die anderen drei Gründe kamen aus Mexiko, Bolivien und ebenfalls aus Argentinien.

Jener Silvo Samba nun, der Name war natürlich ein Künstlername, seinen bürgerlichen Namen verriet er niemandem, ich glaube, ich war jahrelang der einzige lebende Mensch, der ihn kannte, vielleicht ausgenommen seiner Mutter, wenn überhaupt, nun jener Silvo spielte Gitarre und sang dazu. Nichts Aufregendes, das große Latino-Songbook rauf und runter, aber er machte das ganz gut, sah, bis auf seine Zähne, ganz passabel aus, und so spielte er sich durch die Musikkneipen, die damals in den 80ern gerade in Mode kamen, dunkle, durch viele Bögen künstlich verlängerte Naturholztheken und so weiter, wer heute mindesten 40 ist, kann sich möglicherweise erinnern.

Leider hatte Silvo, wie auch die anderen Latinos um mich herum, keinen Führerschein, an ein Auto war schon aus finanziellen Gründen gar nicht zu denken. Und so gab es dann immer wieder diesen Deal, dass ich ihn zu seinem Auftrittsort fuhr, wofür er von mir eine Tonanlage mietete, denn das war damals mein Hauptgeschäft, und wir hatten beide was davon, er einen Chauffeur plus Anlage, und ich ein paar extra Mark in der Tasche, viel war’s natürlich nicht.

Nun hatte Silvo das Talent, an die unmöglichsten Jobs zu kommen. Und irgendwie wurde er plötzlich in der saarländischen Bordellszene “in”. Immer häufiger musste ich ihn zu einem dieser Etablissements fahren und zwar die ganze Bandbreite.

Ganz unten die heruntergekommenen Drecksschuppen an der französischen Grenze. Haschischrauchschwangere Höhlen mit dunkelroten Vorhängen, speckigen Polstermöbeln, widerlich klebrigen Teppichböden und unsäglichem Geruch, den zu beschreiben die Anständigkeit verbietet. Ich legte Wert darauf, nur original verschlossene Mineralwasserflaschen zu bekommen, so sehr habe ich mich dort geekelt.

Eine Wirtin war ständig betrunken, und der Super8-Projektor, der den Pornofilm in Endlosschleife wiedergab, lief immer mit der falschen Geschwindigkeit, halb so schnell, so dass das Erlebnis zur Groteske wurde. Man stelle sich ein Paar vor, dass in Zeitlupe kopuliert, und dann auch noch in halbem Tempo und tiefster Basslage vermeintlich sexy stöhnt: “Jaaaaaa, maaaachhhhssssmiiiiirrrrr, Bäääääbiiiiieeee!”

Aber es gab auch das Gegenteil. Bordelle die fast so etwas wie Sauna- und Fitnessclubs waren. Mit großen Poolanlagen als zentralem Element, Bars, die mehr an Hotelbars als an das horizontale Gewerbe erinnerten, einem kleinen Buffet (kostenlos!) und einer Geschäftsführerin, die eigentlich auch als Filialdirektorin einer Bank hätten durchgehen können.

Bei einem dem ersten dieser Jobs blieb ich vor Ort, denn der Club lag mehr als 50 km von der Hauptstadt entfernt. Man wies mir ein kleines Tischchen unter künstlichen Palmen zu und servierte mir Mineralwasser, während Silvo nun Position an der Bar bezog und seine ersten Lieder sang. Später dann unter künstlichen Palmen auf falschem Sandstrand und schließlich als Schwindelgondoliere auf dem Wasser. Man hatte ihn in ein Minischlauchboot gesteckt, die Hosenbeine hochgekrempelt, das obligatorische Hawaiihemd offen bis zum Bauchnabel auf dem Pool treibend, versuchte er, mit nassem Hintern, denn natürlich lief das Wasser in das Schlauchboot hinein, mit seinen Versionen von Guantanamera und La Bamba zu überzeugen. Was die Herren Freier ziemlich kalt lies und die Damen mittelmäßig entzückte, allerdings immer nur in den Pausen, wenn gerade mal kein Gast im Hause weilte. Es war schrecklich.

Interessanterweise wurden wir, Silvo und ich, sein wartender Chauffeur und Tontechniker, als Männer überhaupt nicht wahrgenommen. Wir waren sozusagen vorübergehend vom Männlichsein suspendiert. Und trotzdem waren wir beide äußerst unsicher in dieser für uns neuen Situation. Bei Silvo, der hinter seinem Latino-Lover-Machismo ein völlig verklemmter Klosterschüler war, führte das zu einer rührenden Hyperaktivität. Bei mir, der ich mindestens genau so verklemmt war, verbarg sich das hinter einer zur Schau gestellten extremen Coolness. Wenn ich in diesen Pool gehüpft wäre, wäre der wahrscheinlich sofort zugefroren, bildete ich mir jedenfalls ein.

Und doch wollten die Äuglein nicht Ruhe geben, den es handelte sich eben um ein Edelpuff, und die Damen waren ausgesprochen hübsch, sympathisch und natürlich auch noch sehr sexy angezogen, ohne irgendwie “nuttig” zu wirken, ein arger Stress für zwei so verklemmte Männlein.

Als ich dann irgendwann den Weg zur Toilette suchte, kam ich an einer Reihe von “Kabinen” entlang, wo man der eigentlichen Bestimmung des Etablissements nachging, teils hinter Vorhängen vor neugierigen Blicken geschützt, in einem Falle aber auch völlig offen einsehbar. Ich war wie vom Teufel gerührt, zwischen nicht-rot-werden, nicht-hinschauen aber möglichst-viel-aus-den-Augenwinkeln-erfassen hin und her gerissen.

Zum Glück beschlossen wir, dass ich Silvo in Zukunft nur dort abzusetzen hätte, weil er ja eigentlich für die paar Leute gar keine Tonanlage benötigte, und da einige der Mädchen sowieso jede Nacht mit dem Taxi in die Hauptstadt gefahren wurden, konnte er mit ihnen mitfahren.

Erstaunlicherweise wusste er dann später in der gemeinsamen Stammkneipe immer wieder von wilden Orgien bei jenen Taxifahrten zu berichten. Die Mädels seien, so stellte er es dar, trotz ihres Jobs noch nicht richtig ausgelastet. Ich hingegen war froh, dass es bei diesem einen, langen Abend geblieben war.

8 Gedanken zu „Bordellgeschichten

  1. barbara

    *Ich hingegen war froh, dass es bei diesem einen, langen Abend geblieben war*

    bist du dir da ganz sicher ;-)

  2. Frosch

    schöner Beitrag!

    “Jaaaaaa, maaaachhhhssssmiiiiirrrrr, Bäääääbiiiiieeee!”

    :-)

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  4. Stefan

    Hallo Sabine,

    Silvo war am Schluss seiner Saarbrücker Zeit hoch verschuldet und hatte panische Angst vor seinen Gläubigern. Die letzte Zeit lebte er in einem Schuppen ohne Bad und Heizung in der Blumenstr. hinter einem indischen Restaurant. Er verschwand quasi über Nacht, wohin weiß keiner.
    Dass er sofort nach Argentinien zurück ist halte ich für ausgeschlossen, dafür hätte er das Geld gar nicht gehabt. Und da er seinen Namen immer wieder ändert (Silvo Samba war nicht sein erster Künstlername) , wird man, falls er noch lebt, ihn auch nicht googeln können. Sorry!

  5. Sabine Blumenröther

    Hallo Stefan!

    Vielen Dank für Deine Antwort. Tatsächlich habe ich versucht, den Namen zu googeln.
    Daß er hochverschuldet war wußte ich nicht. Ich hatte immer den Eindruck, er lebte sehr bescheiden.
    Hattest Du damals ein Geschäft in der Wilhelm-Heinrich-Straße? Ich glaube, dann sind wir auch schon mal zusammen mit Silvo in Deinem Transporter irgendwohin gefahren.

    Ich habe Hector Zamora eine Mail geschrieben, ob er weiß, was aus Silvo geworden ist. Wenn ich eine Antwort bekomme schreibe ich Dir hier nochmal, okay?

    Liebe Grüße und nochmal danke

    Sabine

  6. Herbert

    Eine nette Geschichte, du könntest sie herrlich ausbauen… der Plot erinnert mich allerdings sehr an “eyes wide shut” …

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