(Disclaimer: Auch wenn möglicherweise einige kleine Details falsch wiedergegeben werden, ist diese Geschichte insgesamt wahr)
Wenn man aus Deutschland crisis-bedingt in den Süden blickt, dann gibt es viele Dinge, die man im Grunde aus der Ferne nicht versteht. Deshalb schreibe ich heute diese Geschichte auf, die erklärt, warum sieben meiner Nachbarn hier aus dem Haus demnächst auf der Straße stehen.
Vor fast 10 Jahren taten sich hier im Dorf drei Männer zusammen und gründeten eine Firma. Ein Architekt, ein Verkäufer und ein Ausschachtungsunternehmer. Sie gründeten eine S.L., was einer GmbH in Deutschland entspricht.
Die drei waren auch quasi Nachbarn, zwei ihrer Elternhäuser liegen direkt nebeneinander, das dritte hundert Meter entfernt. Und so fragten sie einen weiteren Nachbarn, ob der denn keine Lust hätte, ihnen ein bestimmtes Grundstück zu verkaufen, sie wollten da einen Mehrfamilienhaus drauf bauen.
Man einigte sich auf einen Millionen-Preis, und setzte einen Vertrag auf, unterschrieb den aber nicht und ging auch nicht zum Notar. Es floss auch kein Geld, denn der schlaue Plan der drei war, die Wohnungen erst mal zu verkaufen, und danach erst zu bauen. Das war Mitte der Nuller-Jahre in Spanien nicht nur kein Problem, sondern allgemeine Praxis. Man mietete einfach ein Büro oder Ladenlokal, wenn es wegen der vielen Immo-Agenturen keine freien Büros gab, tat es auch ein Container.
Und kaum hatte man ein Schild aufgehängt mit einer Computersimulation des geplanten Gebäudes und dem Slogan “Proxima Construcción!” verkauften sich die Wohnungen wie geschnitten Brot. Als sie nach kurzer Zeit schon etliche Wohnungen verkauft hatten und stolze Summen aus den Anzahlungen plötzlich auf ihr Konto flossen, da kamen sie erst richtig auf den Geschmack.
Sie sprachen mit einer der reichsten Witwen hier im Ort und handelten mit ihr das gleiche Prinzip aus, nur um ein Vielfaches größer. Auch diese Wohnungen und Ladenlokale waren nach kurzer Zeit fast alle verkauft. Auch die Tiefgaragenstellplätze und Abstellräume verkauften sie, sowas gibt es hier in Spanien nur gegen Bares.
Aber im Gegensatz zum ersten Projekt fingen sie mit dem eingenommenen Geld an, diesen Apartmentblock zu bauen. Kaum war der fertiggestellt, wurde das Ganze auf dem Nachbargrundstück wiederholt. Das allererste Projekt hingegen bestand weiterhin nur auf dem Papier, auch wenn dort fast alle Wohnungen längst verkauft waren.
Schließlich plante man noch einen vierten Bau, das Haus, in dem ich im Moment wohne. Das sollte das Prunkstück werden, mit Schwimmbad im Keller, Springbrunnen im Patio, Doppelaufzug und so weiter. Auch dieser Bau wurde schnell gebaut. Doch die Krise warf schon ihre Schatten, einige Ladenlokale und 7 Wohnungen wurden nicht verkauft.
Erst jetzt erst fing man an, das ursprüngliche Projekt tatsächlich anzugehen. Als der Block schon recht weit fertiggestellt war, in den Treppenhäusern fehlte noch der Marmorfußboden, die Aufzüge waren noch nicht drin und die Tiefgarage noch nicht benutzbar, zogen aber trotzdem schon viele Käufer in ihre Wohnungen, denn sie hatten ja schon Jahre lang darauf gewartet.
Nun wollte man endlich mit dem Grundstückseigentümer zum Notar. Gerne, sagte der, aber das Grundstück ist nun zweieinhalb mal so viel wert. Statt den 2 Millionen will ich nun 5!
Die drei hatten zwar in den Jahren davor viel mehr als diese 3 Millionen verdient, wie sich jeder, der den Markt kennt, leicht ausrechnen kann. Aber ihre Firma, die S.L. konnte das nicht bezahlen, also ließ man sie pleite gehen. Das hatte für viele Leute fatale Folgen.
Im Projekt Nr. 4 waren viele der Handwerkerrechnungen noch nicht bezahlt, weil man das hier sowieso immer erst nach einem Jahr macht. Im Projekt Nr.1, dem zuerst geplanten und zuletzt gebauten, gab es einen Baustopp. Bis heute ist weder der Marmor im Treppenhaus, noch sind noch die Aufzüge eingebaut. Und die Tiefgarage ist nicht benutzbar und läuft bei jedem Wolkenbruch voll.
Die Banken, die zwischen-finanziert hatten, legten erst mal ihre Hände auf alle Wohnungen, die offiziell noch der S.L. gehörten.
Aber dann blieb das ganze Verfahren erst mal jahrelang liegen, wie das in Spanien gerne geschieht. Erst recht, wenn ein so kniffliges juristisches Problem vorliegt. Das Lösen von Problemen ist nicht des Spaniers liebste Beschäftigung. Einige der Handwerker wurden erpresst. Man drängte sie, statt der Bezahlung einen Abstellraum oder einen Stellplatz zum Listenpreis als Ersatz zu akzeptieren.
Aber das clevere Trio verdienten längst schon wieder Geld. Sie vermieteten die leer stehenden Wohnungen einfach, auch wenn sie eigentlich schon der Bank gehörten.
Doch nun haben sich die Zeiten geändert. Die Banken bekommen Druck aus Madrid und müssen ihre Bücher bereinigen. Und das heißt, sie werden versuchen die Wohnungen mit extremen Preisabschlägen loszuwerden.
Deshalb haben die Banken jetzt verlangt dass die Wohnungen frei gemacht werden, also stehen demnächst sieben Parteien auf der Straße.
Die drei Freunde aber, da kann man sicher sein, haben ihre Schäfchen längst im Trockenen. Zur Zeit planen sie nach bewährtem Schema einige Großprojekte in Marokko, dafür haben sie eine neue S.L. gegründet.
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PS. Am schlimmsten sind die Eigentümer von Projekt 1 dran, weil ihnen die Wohnungen eigentlich noch gar nicht gehören. Auch beziehen die seit Jahren Baustrom und -wasser, weil eine offizielle Strom- und Wasserversorgung nur bei Vorliegen einer “Bewohnbarkeitsbescheinigung” möglich ist. Und die gibt es erst, wenn der Eintrag ins Grundbuch erfolgt ist. Immerhin mussten sie keinen Generator aufstellen, und man hat ihnen nicht das Wasser abgestellt, wie das andernorts oft der Fall ist.